Zwischen Höhenflügen und Abstürzen
von Jürgen Kisters (01. April 2009)
In der Freiraum-Galerie zeigt Andrej Khreshchatyy Bronzeplastiken vom „Traum“ des Lebens
Künstlerische Stile kommen und gehen. Tatsächlich glauben nicht wenige Ideenvertreter der Kunst noch immer, Neuheit sei das entscheidende Prinzip der künstlerischen Arbeit, und ein kreativer Ansatz würde den anderen ablösen und in seiner Bedeutung ersetzen.
Dass dem nicht so ist, wissen diejenigen Künstler und Kunstliebhaber, die sich weniger um theoretische Konstrukte bemühen, als sich auf die direkte Anschauung zu verlassen.
So Andrej Kreshchatyy, dessen Bronzeplastiken in der Freiraum-Galerie ausgestellt sind. Der 1967 im russischen Pjotigorsk geborene Bildhauer zeigt dort mit wenigen ausgewählten Stücken, dass die künstlerische Sprache des Surrealismus so aktuell ist wie in deren Entstehungszeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Alberto Giacometti, Joseph Cornell oder Max Ernst mit ihren „verrückten“ Plastiken die Fantasie in die vieldeutig-unheimlichen Gefilde des Träumerischen führten. Nicht anders gelingt Kreshchatyy in seinen Figurengebilden der Spagat zwischen märchenhaften Höhenflügen und ebenso fabulösen Abstürzen. Jede seiner sanftgrün patinierten Skulpturen erinnert an der Herkunft des Menschen aus der Natur.
Nah am Mythos entfalten sich die Geschichten, die sich dazu erzählen lassen. Etwa die vom siebenfüßigen Tier, das den Wald der Welt auf dünnen Beinen in seinem Körper trägt. Oder der vielschnäblige Vogel, zu dem man sich die Fabel einer ursprünglichen Aggressivität erzählt, die sich in die schönsten Gesänge verwandelt hat. Schöner und magischer kann man die Entwicklungsgeschichte von der kulturellen Notwendigkeit zur Sublimierung nicht vor Augen führen. Faszinierend ist auch die auf wackeligen Beinen stehenden bauchige Gestalt, die, wie ein Baum Äste, gleich mehrere Menschen aus sich herauswachsen lässt. Sie fuchteln mit den Armen als seien sie frei und unabhängig. Aber ihr untrennbares Verwachsensein mit dem Bauch der Welt zeigt, dass sie vielleicht eine Menge Lärm machen, aber keineswegs frei sind. Es ist die als Irritation und Geheimnis sichtbar gemachte Ambivalenz des Lebendigen, die Kreshchatyys Skulpturen so bezaubernd machen.
Dabei kommt dem Russen seine solide handwerkliche bildhauerische Ausbildung während der 1980er- und 1990er-Jahre an den Kunsthochschulen in Pensa, St. Petersburg und Moskau sehr zugute. Dass diese bildhauerische Ausbildung von einem anderen künstlerischen Geist durchweht ist als die in den Kunsthochschulen hierzulande, fällt auf den ersten Blick auf. Denn während deutsche Künstler aus der Generation Kreshchatyys vor allem kreative Rotzigkeit lernten und bis heute pflegen, besticht Kreshchatyys Kunst eben nicht nur durch ihre inhaltliche Präzision, sondern auch durch ihre handwerklich sorgfältige Machart. Diese Sorgfalt basiert maßgeblich darauf, dass dieser Künstler sich mehr an der Beständigkeit und Kontinuität einer langen, mit den archaischen Gestaltungen beginnenden künstlerischen Tradition orientiert als an der Idee, verzweifelt nach neuen, unverwechselbaren künstlerischen Handschriften zu suchen. |